Jam 10/97

Björk - Wandern auf Island

von Gerhard Stamelos

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Steinwüsten, kochendheiße Geisire und sehr wenig Licht, auf Island lebst du unter extremen Bedingungen. Kein Wunder, daß die Isländer selbst als extremer Menschenschlag verschrien sind. Die hohe Selbstmordrate und der enorme Alkoholkonsum sind die negativen Extreme. Beharrlichkeit und exzentrischer Schöpfergeist das positive Erbe, was Björk Gudmundsdottir der Welt bewiesen hat.

 


Immer wenn der Koller sie beschleicht und Presse und Plattenfirma lästig werden, dann zieht es Björk in die Weite. "Neulich bin ich mit meinem Sohn und einer Freundin nach Schottland in die Highlands und dann zu einer kleinen Insel nördlich des Polarkreises gefahren. Obwohl ich eigentlich für ein Konzert proben mußte." Die Inseln haben es ihr angetan.

Mittlerweile auch wieder ihre Heimat Island, aus der es sie am. Anfang ihrer Solokarriere 1993 nach London zog. "Damals hatte ich das Gefühl, weit weg zu müssen, um meinen Eltern und dem gemeinsamen privaten Umfeld aus dem Weg gehen zu können. Selbst Reykjavik ist so klein, daß man dort immer wieder jemandem über den Weg läuft. Außerdemkam es mir damals so vor, als gäbe es da keine Inspiration mehr zu finden."

Doch für ihr neues Album "Homogenic" hat sie sich ganz bewußt wieder für Island entschieden. Auch ihr Auftritt auf dem letzten Juni von den Beastie Boys veranstalteten Tibetan Freedom Festival in New York war davon geprägt. "Als Isländerin fühle ich mich besonders solidarisch mit einem Land wie Tibet. Weil Island auch ein kleines Land ist, das lange Zeit unterdrückt und besetzt worden ist. Deshalb war es der richtige Ort, zum erstenmal Songs aus meinem neuen Album vorzustellen."

'Homogenic' ist von all meinen Soloalben am meisten von meiner Kindheit auf Island geprägt. Ich habe mich diesmal von Dingen wie Lavagestein und Eis inspirieren lassen, die ich als Kind sehr bewußt wahrgenommen habe", erklärt Björk.

Für die musikalischen wie inhaltlichen Recherchen zu "Homogenic" hat sie ihren alten Freund den isländischen Radio DJ und Musikwissenschaftler Asa beauftragt, eine umfassende Musikgeschichte , zu Island zu erstellen. "Ich wollte sogar in meiner Muttersprache singen, weil ich meine Gefühle so am natürlichsten zum Ausdruck bringen kann", setzt sie noch einen drauf. "Bei Konzerten in Island singe ich die Songs auch auf isländisch. Doch meine Freunde meinten, für ein internationales Album sei das sehr eigennützig, weil niemand die Texte verstehen würde."

Erschienen ist die exzentrische Sängerin aber nicht in isländischer Folklore, sondern einem weißen Kleid, Strümpfen und Sandalen im Geisha-Look. Dazu schwarzer Kajal, extradick aufgetragen. Zusammen mit dem Photographen Nick Knight und Modedesigner Alexander McQueen hat die Billie Holiday der britischen Dance-Avantgarde an einem besonderen Outfit gearbeitet. "Auf dem Albumcover ist ein Typus dargestellt, der kein leichtes Leben wollte und davon auch gezeichnet ist. Als Resultat wird sie auf den Grund des Ozeans geworfen", sinniert Björk.

Mit dem Ambient- und Elektronikspezialisten Mark Bell hat die Elfe mit dem bezaubernden Akzent passend dazu ihre Stimme avantgardistisch und kontrovers in Szene gesetzt. Zu verzerrten Computerbeats oder flirrenden Klangteppichen eines isländischen Streichoktetts schmeichelt sie geheimnisvoll, um im nächsten Moment sehr fordernd zu werden. Dann wieder verschwindet sie im Hintergrund, ebenso wie die zeitlos scheinenden Ambientsounds.

Mark Bell nennt das eine "near to live" - Instrumentierung und für Björk ist es ein unheimlich direktes Album ohne Kompromisse. Als ein Journalist zum neuen Album fragt, was sie unter "sehr direkt" versteht, springt der Karate erprobte Zwerg auf und packt ihn am Hemd. "Das ist direkt. Stattdessen könnte ich ja auch brav sitzenbleiben und fragen, was für Sounds ihr denn gerne gehabt hättet."

Für ihr nächstes Projekt sollte besser niemand eine anschauliche Erklärung verlangen. Denn das wird noch wesentlich rabiater. Denn Björk plant eine EP mit einem isländischen Streichoktet und dem Berliner Alec Empire. "Es werden Songs von 'Homogenic' aufgenommen. Die Streicher auf dem rechten Kanal, Alec Empires verrückte Beats auf dem linken und mein Gesang in der Mitte. Zuhause kann dann jeder drei unterschiedliche Versionen hören."

Ihr bizarres Talent hat Björk sehr früh entwickelt. Schon als Kind war Björk Gudmundsdottier in ihrer isländischen Heimat ein Star und trat in die Fußstapfen ihrer Eltern. Die gehörten zur künstlerischen Boheme Islands und lebten mit ihrer Tochter in einer Hippie-Kommune. Mit elf veröffentlichte sie ihr erstes Album mit Coverversionen isländischer Folk-Songs und einer selbst komponierten Ode an den Maler Johannes Kjarval. Doch dann kam der Punk auf die Insel der Geisire: Als Sängerin diverser Punkbands spuckte Björk heiße Haßtiraden gegens Establishment, rebellierte gegen das lauwarme Hippietum ihrer Eltern und entzündete mit den Sugarcubes die internationale Rockjugend. Doch dann kehrte sie ihrer Heimat den Rücken kehren, um nun doch zu merken, daß das Land der Steinwüsten und Geisire auch für sie noch so manch fruchtbaren Schatz birgt.