Spex (D) 5/88, pages 48-52




Sugarcubes -
Das Eiland des schwarzen Todes

Text: Lothar Gorris

Pictures: ?


Jedes Jahr gehen In der isländischen Wildnis diverse Abenteuer-Urlauber verschütt. Die Inflationsrate beträgt 100%, statt arbeitslos ist jeder Isländer doppelt beschäftigt und trinkt zur Entspannung ein Gesöff namens Black Death, das ihn auch wirklich tötet. Die Welt staunte, als aus diesen Verhältnissen eine Pop-Band entstand. Die Sängerin der Sugarcubes wurde zur Traumfrau des Independent-Wavers und Lothar Gorris zum Kunden der Firma Loftleidir, bis dahin nur für billige New-York-Flüge bekannt, um sich Reykjavik vor Ort anzusehen und die Edda im Original zu lesen.

 

"Mit mir verglichen, bin ich normal." Wie bitte? "Mit mir verglichen, bin ich normal." Was soll das heißen? "Ich versuche nicht, nicht normal zu sein."

Björg ist die Sängerin der Sugarcubes. Björg ist eine Isländerin. Und wenn sie das sagt, hat man noch eine geringe Hoffnung, daß es hier vielleicht eine kleine Sprachbarriere gibt und einiges durcheinander gekommen ist Aber Björk sagt auch Sachen wie: "I'm a singers". Und das sagt sie nicht nur so, das meint sie auch so.

Björg schreibt die Texte der Sugarcubes. Da werden kleine Mädchen von alten Männern verführt. Da legt Gott höchstpersönlich seine Hände auf ihre Schultem, läßt sie langsam nach vorne gleiten, über ihre Brüste, immer weiter runter und runter. Aber vielleicht existiert Gott doch nicht, und wenn, dann als Sexsymbol, ein Rock'n'Roller mit Koteletten und Tolle. Falls er existiert, aber, wie gesagt, da ist sich Björg nicht so sicher.

Sie fühlt sich wie ein Freak sagt sie, wenn sie durch die Straßen von Reykjavik geht. Und wirklich, der saubere, ordentliche, nach europäischer Mode gekleidete Isländer dreht sich nach ihr um, wenn sie in ihren durchlöcherten grünen Strümpfen unter dem blauen Rock, in ihrem schwarzen Pullover mit Ausschnitt, geschmückt mit einem Anhänger in Spermienform, darüber nur noch der Nordpol-Anorak mit Kapuze, über die Oxford Street von Island, dem Laugavegur, zum Proberaum schlendert

Björg ist einundzwanzigJahre alt und sieht aus wie zwölf Und weil sie nun mal aus Island kommt, meint man auch die Eskimo Linie in ihrer Familie erkennen zu können. Björg ist etwas anders. Björg, das ist die Traumfrau des Independent-Wavers.

Seit 870 nur ein paar Vokalverschiebungen

Vor einem Jahr haben die Isländer voller Stolz ihren neuen internationalen Flughafen 40 km außerhalb von Reykjavik eröffnet Er gilt als einer der modernsten, schönsten Flughäfen Europas: Ein architektonischer Remix des Skandinavien der 70er, Hydrokultur und Postmoderne. Und der einzige auf der Welt mit Teppichboden. Die Querachse des Gebäudes endet in riesigen rechteckigen, quergestellten Fenstern, die den Blick freigeben aufdie Landebahn und aufeine Lavawüste, die sich den ganzen Weg bis nach Reykjavik hin erstreckt. Das größte Bauprojekt in der isländischen Geschichte ist aber nicht nur modern, sondem be- zieht, wie alles was man macht auf Island, die 1100 Jahre alte Geschichte des Landes mit ein.

Glasmalereien zeigen alte isländische Mythen, und mittendrin steht eine Skulptur des Mannes, nach dem der Flughafen benannt ist: Leifur Eiriksson, der von Island aus eine neue W elt entdeckte.

Vor dem Flughafen sind große amerikanische Limousinen geparkt Eine Awacs steigt just in dem Moment auf, als der Bus sich gen Reykjavik in Bewegung setzt Zwei F-14 Bomber jagen hinterher.

Keflavik an der südöstlichen Spitze von Reykjavik ist der amerikanische Mittelatlantik-Stützpunkt mit größter strategischer Bedeutung für die Vereinigten Staaten. Der Beobachtungsposten genau in der Mitte zwischen Moskau und Washington.

Aber auf Island versucht man alles, um nicht den Eindruck eines besetzten Landes zu machen. Das Abkommen, das 1949 bezüglich dieses Stützpunktes mit den Amerikanern geschlossen wurde, klingt per fekt: Island ist Mitglied der NATO und wird im Falle eines möglichen Angriffs von der ganzen NATO-Streitmacht verteidigt, ohne selbst den üblichen Truppen-Beitrag leisten zu müssen. Die Isländer haben keine eigene Armee, und die einzige Bedingung für die NATO-Mitgliedschaft ist der Stützpunkt der Amerikaner in Keflavik.

Hier leben mehrere tausend amerikanische Soldaten, die bei einer Gesamtbevölkerung von 240.000 Einwohnern in Island eigentlich prägenden Einfluß hinterlassen sollten.Tun sie nicht, weil Island schon bei der Abfassung des Abkommens alles unternahm, um genau das zu verhindern. Inzwischen ist noch nicht mal mehr das amerikanische Soldaten-Fernsehen in Reykjavik zu empfangen. Und auch sonst sieht man keine Amerikaner in Reykjavik außer mittwochs. Das nämlich ist der einzige Tag in der Woche, an dem Amerikaner ihren Stützpunkt verlassen und nach Reykjavik zum Einkaufen dürfen.

Was sich allerdings wie schon fast übertriebener Anti-Amerikanismus gebärdet ist weniger politisch motiviert, als viel mehr Ausdruck der größten Angst der Isländer: Daß ihre Kultur, ihre Sprache irgendeinem kulturimperialistischen Druck von außen zum Opfer fällt So sind dann 40 Prozent der Bevölkerung strikt gegen den Stützpunkt und wollen dieAmerikaner am liebsten zum Teufeljagen. Lieber Pazifimus, als die eigene Identität zu verlieren. Das sah man schon 1949 so und ließ in das Abkommen einen Passus einarbeiten, der den Amerikanern sogar den - äußerst geringen - Prozentsatz von Schwarzen bei den aufIsland stationierten Soldaten vorschrieb. Nichts wäre schlimmer als eine Flut von Schoko-Babies oder HipHop, dachten sich die Isländer.

Auch mit der Sprache, die sich seit der Besiedelung Islands 870 bis auf wenige V okalverschiebungen nicht verändert hat, geht man äußerst pingelig um. Im isländischen Fernsehen gibt es jede Woche eine Sendung, in der Sprachwissenschaftler dem unkorrekten Umgang mit der isländischen Sprache auf der Spur sind und grammatikalische und sonstige Fehler in den Medien schonungslos enttarnen.




"Auf Island hält man uns für Verrückte, wir sind ihnen nicht ganz geheuer, weil sie glauben, daß wir ihre Existenz in Frage stellen" sagt Sigtryggur, der Schlagzeuger und Finanzverwalter der Sugarcubes. Aber nachdem seit dem Ende des letzten Jahres sich praktisch ganz Großbritannien ob der Originalität und Einzigartigkeit der Band geradezu überschlägt und reihenweise Titelbilder einer Band widmen, die immerhin schon eine Single veröffentlicht hat, und auch englische Plattenfirmen die Jagd auf die Sugarcubes eröffnet haben, scheint sich zumindest etwas wie Stolz auf die Sugarcubes zu entwickeln. Das Magazin von Iceland Air widmet der Band ein Farbphoto und hebt vor allem die Tatsache hervor, daß ihnen ein Vertrag für 6 LPs über 750000 Pfund angeboten worden ist, und sowas macht natürlich Eindruck in Island. Und selbst der Premierminister, Thorsteinn Pßlsson, liest bei der Ankunft in London voller Stolz in der Tageszeitung "The Independent" einen großen Artikel über seine Landsmänner. Trotzdem werden die Sugarcubes in einem Restaurant angeguckt, als kämen sie von einem anderen Stern.
BJÖRG: "Hier in Island hält man uns eben für eine internationale Band."
SIGI: "Während Ausländer uns für eine typisch isländische Band halten."

Im Einzugsbereich des Sky-Channel

Während also amerikanische Kultur, amerikanisches Leben, abgesehen von Filmen, die in Reykjavik ein halbes Jahr früher als in London anlaufen, auf Island kaum zu spüren ist, wirkt der Einfluß Londons umso bestimmender. Die jugendlichen kleiden sich entsprechend, man kann englische Zeitungen lesen und Sky und Super Channel empfangen. Und auch die Musik der Sugarcubes ist inspiriert von britischem Pop und Underground.

Ob das nun an Jaz Coleman liegt, der sich vor ein paar Jahren naiv von dem Nordischen Blabla angezogen fühlte und Reykjavik unsicher machte? Auf Jaz Coleman angesprochen, reagiert man allergisch und erklärt, daß man ihn rausgeschmissen hat, weil man es nicht mag, an der Nase herumgeführt zu werden und laufend für Telefonate nach England aufzukommen.

Auch Bands wie Psychic TV, vermutlich ein Fall wie Jaz Coleman, oder The Fall und Stranglers, hatte es nach Island verschlagen. Demnächst spielt Boy George in Reykjavik. Das ist dann eins von vielleicht drei großen Pop-Konzerten 1988 in Island.
SIGI: "Hier in Island lebt man natürlich in einer Art Isolation. Es gibt hier keine richtige Szene, man kann kaum zu Konzerten gehen und andere Leute treffen."
BJÖRG : "Durch diese Isolation sind wir gezwungen uns selbst weiterzuentwickeln, ohne wirklich von dem beeinflußt zu sein, was in der Indie-Welt in England passiert"
EINAR: "Wir machen Pop-Musik.Isländer halten das für Underground, Europäer für isländisch. Aber so sehen wir das nicht. Natürlich sind wir Isländer, und wir leben auf einer Insel. Hier zu leben ist unser Alltag, diese Isolation ist die Realität, aber aufder anderen Seite tragen wir keine Zwangsjacken und leben auch nicht in einer Gummizelle. Wir wissen natürlich, was in der Welt passiert. Aber hier wegzugehen, würde einem Realitäts-Verlust gleichkommen, und wir würden stattdessen in einem Alptraum leben."
SIGI: "Auf der anderen Seite ist es natürlich Blödsinn das zu romantisieren und unsere Musik in Zusammenhang mit Geysiren oder Gletschern zu sehen. Wir leben in einer Großstadt"

KATHEDRALE VON REYKJAVIK

Fast die Hälfte der Bevölkerung Islands lebt in Reykjavik. Großstadt ist etwas viel gesagt. Ein hübsches, kleines Städtchen mit einem Zentrum aus wenigen wuchtigen Steingebäuden und vor allen bunt bemalten zweistöckigen Häusern aus Holz und Wellblech wie aus einer Astrid Lindgren Verfilmung. Rund um die Stadt erstreckt sich ein riesiges Gewerbegebiet aus Beton, wie man das aus jeder anderen Stadt auch kennt. Nicht richtig idyllisch, nicht richtig alt, sondern einfach das politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Zentrum Islands.

Und obwohl Island weder eine den Staatshaushalt belastende Armee unterhalten muß und obwohl z. B. Reykjavik zu 80 Prozent mit dem Wasser aus den Dampfquellen um die Stadt herum beheizt wird, die restliche Energie mit relativ billigen Wasserkraft- werken erzeugt wird, sind die wirtschaftlichen Pro- bleme enorm. Eine Inflationsrate Anfang der achtziger Jahre von über 100070 machte selbst den in dieser Beziehung schon einiges gewöhnten Isländern zu schaffen.1987 lag diese Rate bei sensationellen20bis 30 Prozent, glücklich wäre man bei einer Inflationsrate von 10070. Wer dann also bei den laufend steigenden Preisen - ein ganz normaler Hauptgang in einem wenig exklusiven Restaurant kostet 40 Mark - ein vernünftiges Leben führen will, muß hart arbeiten.

Die meisten Isländer haben deswegen 2 Jobs und arbeiten fast alle mehr als 12 Stunden pro Tag, und weil das hartverdiente Geld schon am nächsten Tag wieder weniger wert sein kann, wird es auch sofort ausgegeben. Diese völlig inflationsgeprägte, einseitig ausgerichtete Volkswirtschaft (80 Prozent des Exportes besteht aus Fisch in jedweder Form) hat dann auch ihre guten Seiten: Arbeitslosigkeit trotz der Doppelbeschäftigung vieler Isländer ist unbekannt. Und wer wochentags hart arbeitet, sucht am Wochenende ein bißchen spaß. Wo wir dann wieder bei der Großstadt sind: Mehrere Discos, zahllose Kneipen und Cafes in den üblichen stilistischen Variationen.

Mit der Bierpalette durch den Zoll

Die Tatsache, daß der Flughafen in Keflavik der einzige aufder Welt ist, wo man nicht nur vorm Abflug, sondern auch bei der Ankunft im Duty Free Shop einkaufen gehen kann, führt direkt zu dem entscheidendsten Bestandteil und auch größtem Problem einer isländischen Freitag-Nacht Ganz skandinavisch versucht man den Alkoholkonsum in Grenzen zu halten. Seit 1933 darf zwar Alkohol in Form von Wein und Schnaps verkauft werden - auf Druck der Export-Partner, die nur dann auch isländischen Fisch abnehmen wollten, wenn sie ihrerseits Alkohol einführen durften - nur, Bier, und keiner weiß warum, sollte weiterhin keinen höheren Alkoholgehalt als 2,5 Prozent haben, und das ist, wie man weiß, eindeutig zu wenig. 55Jahre später gibt es immer noch kein Bier, und es ist üblich die sechs Liter vollwertigen Biers, die man einführen darf, auch voll auszunutzen. Der Kenner also passiert mit einer Palette Dosenbier den isländischen Zoll.

Neben der amerikanischen Präsenz auf Island ist diese Bier-Regelung das große, immer wiederkehrende politische Thema. Sozusagen der Gradmesser für den Zustand der jeweiligen Regierungskoalition, die in Krisenzeiten vornehmlich über Bier streitet, anstatt die sich dahinter verbergenden, grundsätzlichen politischen Differenzen auszutragen. Politische Differenzen gibt es genug. Die Koalition zur Zeit ist ein rechtsliberales Bündnis aus Unabhängigkeitspartei, Fortschrittspartei und Sozialdemokratie, wobei die stärkste Partei, die Unabhängigen, 1987 gerade mal 27,2% der Stimmen erhielten. Eine wacklige Sache und die fortwährenden Krisen haben schon bei den letzten Wahlen zu verstärktem Protest-Wähler-Verhalten geführt, wie es so schön heißt. Erfolgreich war zum einen die Bürgerpartei des von den Unabhängigen wegen Korruptionsverdachts rausgeschmissenen Finanzminister Albert Gudmundsson, der schon 1984 viel ärger machte, weil er trotz des immer noch gültigen Hundeverbots auf Island seine Lucy aufjeden Fall behalten wollte und sogar so weit ging, seine Emigration anzudrohen. Zum anderen die Frauenliste, die nach den neuesten Umfragen im März mittlerweile die stärkste politische Gruppierung auf Island bildet In einer sowieso eher matriarchalisch ausgerichteten Gesellschaft, in der Frauen schon im 11.Jahrhundert eigenen Besitz haben und Heiratsangebote ablehnen durften, in der eine Frau Staatspräsidentin ist, 40% der Kinder unehelich zur Welt kommen und es keine Prostitution gibt, lehnt die Frauenliste die Nato-Mitgliedschaft ab und zeigt sich auch ansonsten vage grün-linken Zielen verbunden.

4 Schnapsbudiken für 120.000 Säufer

Einzige konsequent-wirkende Folge der Alk-Politik: Auch wenn Wein und Schnaps erlaubt ist, der Zugang wird einem so schwer gemacht, wie nur möglich. In ganz Reykjavik, also für 120000 Menschen, gibt es vier Läden, in denen man wie normal in einem Supermarkt Alkohol kaufen kann. Die Preise sind heftig - eine Flasche besserer Rotwein für 40 Mark, Hochprozentiges entscheidend mehr. Ansonsten kann man in jeder Disco,jedem Restaurant, jedem Cafe, jeder Kneipe Alkohol trinken - wenn man bereit ist, entsprechend zu zahlen.

Luftgitar auf Cognac

Freitag, früher Abend. Thor, der Gitarrist, und Einar (bei den Sugarcubes gibt es zwei, der hier heißt Melax mit Nachnamen, ist Maler und erst seit kurzem als Keyboarder bei der Band) holen mich im Hotel ab. "Nein, kein Bier." Ein etwas unverständlicher Blick und dann der Griff in die Jackentaschen und herauskommen eine Flasche Moskovskaya bzw. eine Flasche Hennessy Cognac, die sie am Nachmittag im Alk-Laden gekauft haben. Es wird erstmal getrunken. Ein ganz normaler Freitag-Abend in Reykjavik.



Dann machen wir uns auf den Weg zu Bragi (sprich: Brei-i) - und? Natürlich Cognac. Später im Restaurant der Aperitif, der Wein, der Cognac, dann bei einem anderen Freund wieder Cognac, dann mal Whiskey und zwischendurch einen Likör. Auf dem Weg nach "Downtown" begegnen uns schon Horden von vergnügungssüchtigen, meist jüngeren Isländern.

Eine Gruppe von blonden Teenager-Mädels singen "Luftgitar".

Jeder ein Poet

Johnny Triumph, sagte man mir, sei einer der populärsten Lyriker Islands. Und Johnny Triumph hat zusammen mit den Sugarcubes eine bisher nur in Island erschienene Single, "Luftgitar" , gemacht Und wer mit den Sugarcubes bisher eher nur sphärische "Birthday"-Schönheit verband, sieht sich hier einem "richtigen" Rock'n'Roll-Stück ausgesetzt Johnny, der "Poet", besingt isländisch die Unfähigkeit der Jungs zu tanzen und stattdessen immer nur HM-Gitarrenposen nachzustellen. Die Mädchen auf der Straße singen "Luftgitar", während sie in die Hölle der freitäglichen Vergnügungen marschieren.

Punk trotz Vollbeschäftigung

Der isländischen Version von Punk, die sich etwas später als in Europa entwickelte, fehlten zwar entscheidende soziologische Komponenten - einfach doof, wenn jeder, der will, eine Lehrstelle haben kann - musikalisch allerdings war Island ein äußerst gesunder Nährboden, wo doch bis Mitte der siebziger Jahre isländische Musik wesentlich daraus bestand, daß man mit anderen Texten die Pop-Musik aus England und USA nachspielte. Das war langweilig und ließ Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre 30 bis 40 Bands entstehen.
BJöRG : "Schon bevor es Punk gab, ging ich zujedem Konzert, das in Reykjavik stattfand - das waren unge- fähr zwei oder drei proJahr. Und plötzlich innerhalb eines Jahres gab esjede Woche ein Konzert mit drei oder vier Bands. Und jeder, den ich damals kannte, spielte in einer Band. Jeder."

Der Bewegungsführer hieß Bubbi (sprich : Bübbi) Morthens, der eigentlich aus dem eher traditionellen Rock-Lager kam. Bubbi ist auch heute noch aktiv, und seine letzte LP hat sich in Island, obwohl es natürlich bei 240000 überhaupt möglichen Käufern keine intakte Plattenindustrie geben kann, 20000 mal verkauft - so gut wie noch keine andere Platte in Island. Aus dieser Zeit überlebte neben Bubbi auch Einar Orn, der früher einmal dessen Manager war und später seine eigene Band aufgemacht hat

Kukl - von den heutigen Sugarcubes gehörten neben Einar auch noch Björg und Sigi dazu - hatte das Glück bei ihrem zweiten Konzert die zufällig in Island weilenden Crass im Publikum zu haben. Die zeigten sich tiefbeeindruckt von der Anarcho-Punk-Attitüde und der Schwarzen-Messe-Atmosphäre. Auf d em Crass-Label erschienen dann auch die Platten von Kukl, eine Möglichkeit, die sich den meisten isländischen Bands dieser Zeit nicht geboten hat und die auch wieder in der Versenkung verschwanden.

Kukl existierte drei Jahre, hatte Indie-Charts-Erfolge in England und Konzerte in Berlin (mit Einstürzende Neubauten) und Hamburg.
BJöRG : "Wiir hatten mit der Zeit festgestellt, daß es am schwierigsten überhaupt ist, Spaß zu haben, sich selbst zu vergnügen. Denn wenn man das kann, dann kann man alles erreichen, und genau das versuchen wir jetzt mit den Sugarcubes. Wenn etwas keinen Spaß macht, dann stimmt irgendetwas nicht "

Der Mörder von Thors Opa

Tausende von wildgewordenen Teenagern haben sich anscheinend genauso wie wir gründlich auf das Ausgehritual des Wochenendes vorbereitet. Um kurz nach zwölf liegt überall schon Kotze auf der Straße, daneben die ersten Opfer, die für mindestens 100 Mark Alkohol gut sind. Und das ist kein besonderer Feiertag - ganz einfach nur die Freitag-Abends-Routine. Trotz der Preise ist das Verhältnis zum Alkohol völlig enthemmt, und man neigt dazu, den Befürchtungen recht zu geben, daß sich hier eine ganze Insel bei völliger Freigabe des Alkohols zu gemäßigten Preisen kollektiv in den Tod saufen würde. Entvölkerung.

Brenivin heißt der Beitrag Islands zur internationalen Spirituosen-Produkt-Palette. Ein Schnaps irgendwie auf Kartoffel-Basis, dem Wodka nicht ganz unähnlich, aber mit einigen Wundermitteln isländischer Vegetation aufgepeppt. Ein Höllenzeug, das nicht nur Thors Großvater zum V erhängnis wurde. Mittags um eins zum Kaffee und man glaubt die Welt geht unter und ein Vulkan bricht aus. Sowas saufen selbst Isländer nur in kleinen Zügen.

Für den internationalen Markt haben geschickte Werbestrategen den isländischen Kosenamen für dieses Höllenzeug ins englische übersetzt: Black Death - The pleasure of the north.

Seitdem die Sugarcubes Erfolg haben, ändern sich auch die Trinkgewohnheiten. Vor dem ersten Konzert in London leerte Einar, der Legende nach, fast eine ganze Flasche Black Death, mittlerweile beläßt er es bei Cognac.

Der große Bildhauer

Einar Jnsson, der 1954 gestorbene Bildhauer, gilt als einer der bedeutendsten Künstler Islands. 1909 bot der aufdem europäischen Kontinent lebende Künstler seiner Heimat an, ihr alle seine Kunstwerke zu schenken, im Austausch für ein von der isländischen Regierung nach seinen Plänen zu errichtendes Haus samt Garten, das er zu Lebzeiten als Wohnhaus, Atelier und Ausstellungsraum benutzen wollte, und das nach seinem Tod als Museum der Nachwelt die äußerst wuchtigen Bronze-Skulpturen als Beitrag zur isländischen Kulturgeschichte zugänglich machen sollte. Dieses Haus, die "Hnitbjörg", ist ein wuchtiger Betonklotz, der in den zwanziger Jahren fertiggestellt wurde - sowohl mittelalterlich wirkende Festung als auch Vorläufer postmoderner LA-Tempelarchitektur, will sagen, das Ding sieht auch 1988 sehr modisch aus.

Hinter dem Haus ist ein Skulpturen-Garten angelegt. Die Skulpturen erinnern an Vorläufer der Dritten-Reich-Kunst, d. h. voluminöse Formgebung der Antike mit Figuren und Themen aus isländischer Literatur und Volkssagen. Einar Jonssons Religiösität verstärkt den mystischen Charakter der Kunst noch zusätzlich.

EINAR JONSONS HAUS AUS DEN 20ER JAHREN

In Einar Jonsons Skulpturengarten auf einem kleinen Hügel in Reykjavik sitzen nun die Sugarcubes : Björg, die Sängerin, Thor, der Gitarrist, Einar, der Sänger, Bragi, der Bassist und der Schlagzeuger Sigi. Es war Einars Vorschlag hier hinzugehen, das soll mir wohl etwas sagen.

Die Musik der Sugarcubes könnte man in einem ähnlichen, isländischen Kontext sehen. Die Bandmitglieder leben und arbeiten in Reykjavik und wollen hier auch bleiben. Zwar werden ihre Platten in Großbritannien mit englischen Texten veröffentlicht, die Songs aber entstehen in Reykjavik und in isländischer Sprache.

Der Welt führende Literatur-Nation

In Island heißt Kultur erstmal Literatur. Der Bereich der Bildenden Kunst oder der Musik ist durch die ›bermacht der 1000 Jahre alten schriftstellerischen Tätigkeit bis heute noch völlig unterentwickelt Grundstock für diese Tradition bilden die "Islendinga sögur" (Isländersagas), die im12. und 13. Jahrhundert entstanden sind und von den. Ereignissen seit der Besiedlung Ende des 9.Jahrhunderts bis ungefähr 1030 incl. Familiengeschichten, deren blutrünstigen Fehden, Totschlag, Blutrache und Helden erzählen.

Bedeutender noch sind die Edda-Lieder, die als die einzig erhaltene Quelle für den Glauben und die Welt- und Lebens-Anschauung der germanischen Völker gelten. Richard Wagner baute daraus den Ring der Nibelungen. In diesen Liedern mischen sich die von isländischen Siedlern mitgebrachten ›berlieferungen aus alten germanischen Zeiten mit Schilderungen aus der Völkerwanderung und isländischen Familien-Geschichten.

Das Verhältnis zu dieser Literatur ist völlig ungebrochen, selbst unter der jungen Generation von Isländern. In den Reykjaviker Punk-Tagen z. B. gehörte der mittlerweile 70 Jahre alte Beinteinsson zum festen Inventar von Punk-Konzerten, die er regelmäßig mit einem Vortrag von Edda-Liedern eröffnete. Eine Punkband vertonte ein katholisches Gedicht aus dem 16. Jahrhundert und selbst Gramm Records, Reykjaviks Independent-Label, widmet sich nicht nur neuer isländischer Musik, sondern läßt auf ihrer Anthologie isländischer Independent-Musik auch Raum für Sveinbjörn Beinteinsson.
BRAGI: "Die ›bermacht von Literatur in diesem Land hat auch damit zu tun, daß die Kirche im 15. Jahrhundert jede Art von weltlicher Musik und Tanzen verboten hat, so daß alles, was es davor gab, einfach in Vergessenheit geraten ist"
EINAR: "Nochmal, wir sind eine isländische Band, aber wir kommen aus Reykjavik, und wir verstehen uns als großstädtische Musiker. Wir singen keine alten isländischen Verse vor unseren Konzerten und opfern auch keine Schafe, obwohl wir das vielleicht mal versuchen sollten."
BJÖRG : "Die Leute kommen hierher, heben irgendeinen Stein aufund gehen nach Hause im Glauben, daß sie andere Menschen geworden sind. Für uns Isländer ist das normal. Wir wissen, daß es Geister gibt und lassen uns dadurch nicht aus der Fassung bringen." (55920 der Isländer glauben an Geister und gar 64070 haben eigene übersinnliche Erfahrungen gemacht). So besingen die Sugarcubes zwar keine alten Sagenfiguren, aber immerhin: Wer macht schon Pop-Songs über Drachen oder einen sexuell äußerst aktiven Gott ("Deus", die neue Single) ?

Die Fünfjährige und der Fünfzigjährige

In Island werden mehr Bücher pro Person verkauft, als in jedem anderen Land auf der Welt. Auch der derzeitige Ausstoß an isländischer zeitgenössischer Literatur ist enorm, gemessen an der Bevölkerungszahl Islands.

Jeder zweite, mit dem man in irgendwelchen Kneipen bekannt gemacht wird, ist ein "Poet", manchmal auch ein "mad Poet". Ein "Poet" genießt ungeheures Ansehen, auch wenn er ganz offensichtlich verrückt ist, wie ein Freund der Band namens Jhamar, mit dem man eine ganze Nacht über Surrealismus hätte diskutieren können, wäre ich nicht von Thor gerettet worden.Wobei das Ansehen eines "Poets" nicht von Verkaufszahlen abhängt - einziges Kriterium für den Ruf als "Poet" ist eine Veröffentlichung.

Thor ist wie Bragi ein veröffentlichender "Poet" - er gehört zu den Gründungsmitgliedern der einzigen surrealistischen Schriftsteller-Gruppe Islands - "Medusa". Bragi wartet samstags Mittags mit einem neuen Gedicht bei Brenivin und Kaffee auf, und auch Björg, die die meisten Texte der Sugarcubes schreibt, scheint derartige Ambitionen zu haben.

Björg hat zum Beispiel auch folgende Zeilen von "Birthday" geschrieben : "Today's a birthday - they're sucking cigars, lie in the bathtub, chain of flowers." Einar erklärt solche Texte als völlig bedeutungslos, und die bisher von Björg gelieferten Erklärungen für diesen Text - eine Geschichte über die gegenseitige Verführung von einem fünfjährigen Mädchen und einem fünfzigjährigen Mann, bei der allerdings nichts passiert - seien nur entstanden, weil "Birthday'' mittlerweile schon eineinhalb Jahre alt sei und sie Zeit genug gehabt hätte, sich irgendeinen Mist dazu auszudenken.

Schizo, aber friedlich

"Birthday" , die erste Single der Sugarcubes, löste in England eine Euphorie aus. In Island verkaufte man zwar nur dreihundert Exemplare, aber selbst die SPEX-Leser wählten diese Single, ohne daß Band oder Song 1987 in dieser Zeitschrift mit einem Wort erwähnt wurde, auf Platz 11 der siebenundachtziger Singles.

Und "Birthday" verdient diese Aufmerksamkeit, obwohl diese abstrakte Schönheit mit der unterschwelligen, bösartigen Originalität nur ganz kurz vor einem plumpen Novelty-Witz halt macht und Kollegen zu Vergleichen mit Kate Bush bis hin zu Liz Fraser hinriß - beides also nicht Einordnungskategorien mit Auszeich- nungscharakter. Aber glücklicherweise kann man stattdessen, dank Björg, immer noch einen aggressi- ven nordischen Unterton hineinhören.

Björgs naiv-tiefgründiger Gesang ist musikalisch das einzige Bindeglied zwischen den bisher veröffentlichten Singles: "Birthday", "Coldsweat" (in zwei Versionen; einmal als Grufti-Rock und einmal als völlig unterschiedliche Remix-Tanz-Version - ein Experiment, das die Band als gescheitert betrachtet), "Luftgitar" (Rock'n'Roll) und "Deus" (ein fast ganz normaler Pop-Song). Auch die Debut-LP "Life's Too Good" erweitert das stilistische Spektrum nochmal.
EINAR: "Auf unserer LP gibt es 10 Stücke, und vielleicht hast du recht mit der Annahme, daß jeder einzelne Songvon einer anderen Band sein könnte.Vielleicht hat das Wetter auf Island einen prägenden Einfluß. Das Wetter hier ist schizophren: Im Moment ist das Wetter noch sehr schön, in ein paar Stunden kann es schon wieder frieren oder schneien oder Sturm geben oder hageln oder eine halbe Stunde lang regnen, während die Sonne scheint Und wenn das W etter schizophren ist, warum nicht auch wir? Friedlich, aber schizophren."
SiGi: "Wir kümmern uns nicht darum, ob sich etwas anhört wie die Sugarcubes - was uns gefällt, machen wir."
EINAR: "Wenn wir sagen, daß wir spaß haben wollen, dann heißt das nicht, daß wir uns nicht selbst ernst nehmen. Aber es gibt eben eine Menge Widersprüche, weil viele unserer Songs selbstironisch sind, obwohl diese Selbstironie längst nicht so beabsichtigt ist wie z. B. eine bewußt verrückt ausgewählte Coverversion. Und diese Selbstironie betreiben wir ernsthaft, und weil wir sie ernsthaft betreiben, bekommt sie auch wieder eine völlig andere Bedeutung." SiGI : "W enn wir unsere Stücke aufgenommen
haben, entwickeln sie ein Eigenleben, weiljeder die unterschiedlichsten, eigentlich nicht zueinander passenden Dinge einbringt. Dadurch entwickelt ein Song die unterschiedlichsten Bedeutungen: Selbstironie oder auch ganz einfach blöder Rock'n'Roll."

Das Tor zur Hölle


GLETSCHER UND GEYSIRE
Im Mittelalter galt Island als das Tor zur Hölle. Dieses Tor zur Hölle ist genau lokalisiert: DerVulkan Hekla, der zum ersten Mal 1104 ausbrach und seitdem 15 mal tätig wurde. 1947 stieg die Eruptionssäule fast 30 km hoch, und die Lava bedeckte über 65 qkm. Auf der ganzen Insel sind mehrere Vulkane aktiv.

Weil Island geologisch gesehen sehr jung ist und genau an der Schnittstelle zwischen der europäischen und der amerikanischen Kontinentalplatte liegt (an dem einzigen Ort, wo man an der Erdoberfläche die beiden auseinanderdriftenden Platten sehen kann, hielten die Isländer jeden Sommer zwei Monate lang ihr Parlament - das sogenannte Althing, die Schlucht, in der alle Männer Islands Platz haben - ab, seit 930), passiert hier auf der Insel geologisch alles, was nur passieren kann : Durch das Auseinanderdriften der Kontinentalplatten entstehen Geysire (überall im Land dampft es aus der Erde), die verschiedensten Formen von Vulkanen und natürlich auch Erdbeben. Alles andere als ein sicheres Pflaster. Außerdem ist die Natur bestimmt durch den äußerst symbolischen Gegensatz von heiß und kalt Jede Saison verenden mehrere Touristen bei ihren Abenteuerurlauben, weil sie entweder in den riesigen Gletschergebieten steckengeblieben oder einfach in heiße Dampfquellen getreten sind. Und wer einmal im Hochland steckenbleibt, ist verloren - keine Menschenseele, die einen retten kann. Ein hübscher Tod inmitten einer nahezu kahlen, unbewohnbaren, von geologischen Formungsprozessen zerrissenen, zerklüfteten Landschaft, wo Natur noch Natur ist - schön und fürchterlich - und zwangsläufig ein anderes Verhältnis zu ihr erfordert.
EINAR: "Wir leben in einem engen Verhältnis zur Natur, weil wirwissen, wie gewalttätig sie sein kann. Da spielt man nicht mit rum, aber viele vergessen das, weil für sie Natur nur aus Beton, Glas und Asphalt besteht Hier wird man immer daran erinnert, wo wir eigentlich leben.Vielleicht habe ich gerade deswegen mehr Angst vor Atombomben, als vor Erdbebenund Vulkanausbrüchen. Alle 80jahre gibt es aufIsland ein großes Erd- beben. Das letzte war 1908, also sind wir dieses Jahr wieder dran."

Be true to your Landkommune!

Die Millionen-Angebote der Plattenindustrie, phasenweise wurde Reykjavik von A&R Leuten aus England überschwemmt, wurden abgelehnt Die Sugarcubes bleiben stattdessen auf dem kleinen englischen Label "One Little Indian", das von den Landkommunarden Flux Of Pink Indians gegründet wurde. Auch in Deutschland werden sie voraussichtlich unabhängig vertrieben. Und alles in allem ergibt das doch ein hübsches stimmiges Bildchen: Die Band aus Island, einem Land, das wie vor jahrhunderten hauptsächlich vom Fischfang lebt, den aber inzwischen computergesteuert betreibt, die keine isländische, sondern eine internationale Band sein will und dennoch nicht verleugnen kann, wo sie herkommt und deswegen so merkwürdig und so originell ist, widersteht allen Lockungen des internationalen Kapitals und veröffentlicht ihre Platten bei Landkommunen-Spinnern aus England.

Vignis Finnbogadottir

Vierundzwanzig Stunden vor meiner Abreise flogen die Sugarcubes zu Promotagen nach London. In ihrem Flugzeug saß übrigens auch Staatspräsidentin Vigdis Finnbogadottir. Sie haben sich vermutlich gut verstanden.

Bei meiner Abreise schneit es. Mein Souvenir aus Island ? Eine Flasche Black Death.

Sykurmolarnir

Den Auftritt der Sugarcubes (Sykurmolarnir) am 17. März im Reykjaviker Hotel Island sahen übrigens 600 Zuschauer. Zusammen mit zwei unbekannten isländischen Bands gedachten sie dem kürzlich verstorbenen Divine.

Während Einar mich zum Hotel fährt und wir uns eine Kopie von Prince' Black Album anhören, antwortet er auf meine Frage nach neuen, interessanten isländischen Bands: "Nein, nicht wirklich. Wir sind die einzigen." .

 



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